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Die „gute alte Zeit“ steht im Titel und
mit Recht in Redezeichen.
Wann war sie denn, die "gute alte Zeit"?
Vielleicht als Hausens berühmter Sohn Johann Peter mit seiner allein
erziehenden Mutter winters hier wohnte? Für das Ziel, dass er Pfarrer
werden konnte, arbeitete sie hart und sparte. Das Hauptnahrungsmittel
des kleinen Hans-Peter dürfte Habermus gewesen sein, ein 'Päppli' aus
Hafer.
Oder seine Schulzeit in Hausen, als der strenge Lehrer Grether 60
Kindern gleichzeitig das Lesen und Schreiben, später auch Rechnen und
Geometrie samt Religion beibringen sollte?
Oder war die "gute alte Zeit" 100 Jahre später?
Laut einer Fabrikordnung aus dem mittleren Wiesental mussten Kinder mit
12 Jahren eine Arbeitszeit von 12,5 Stunden pro Tag arbeiten, darin
waren in der Fabrikschule 2,5 Std. Unterricht. Das war keine soziale
Tat, sondern die Fabrikherren wollten die Kinder und Jugendlichen zu
braven Arbeitern erziehen.
Oder war die „gute alte Zeit“ vor dem 1. Weltkrieg oder danach?
Das scheint so auch nicht ganz stimmig, weil nach der hohen
Arbeitslosigkeit in den
20er-Jahren des 20. Jahrhunderts, der Gewaltherrschaft des III. Reiches
und der Not
nach 1945 gewiss kaum Wohlstand herrschte.
Ist vielleicht die „gute alte Zeit“ unsere Zeit?
Mindestens die der jüngeren Großeltern, die im Wirtschaftswunder lebten,
reisen, bauen, konsumieren konnten und wir alle, mindestens in
Zentraleuropa, seit 60 Jahren keine Krieg mehr hatten?
Was lässt uns diese "unsere Zeit" so wenig gut erscheinen?
Der Klimawandel, die Verbauung der Landschaft, die Veränderung in der
Arbeitswelt, die Minarette wie in der Schweiz oder anderswo, die
Verrohung der Sitten, wenn man an die Übergriffe in U-Bahnen denkt oder
an Amokläufe in Schulen;
vielleicht der Verlust der Werte oder eine
rechte Antwort auf die alte Katechismusfrage: "Wozu sind wir auf Erden"
oder "Was ist der Sinn des Lebens"?
Die Autoren des Buches,
Bernhard Greiner, Prof. Dr. Klaus Schubring & Elmar Vogt
versuchen eine Antwort zu geben, was sie damit meinen, und dieser
Antwort spüre
ich nach.
Historische Bilder, in der zeitlichen Reihenfolge beispielsweise
aneinandergereiht, geben noch keinen Bildband, vornehmlich keinen, der
wie der Titel des Buches signalisiert, ein Früher und Heute dokumentiert um den Bildbetrachter einzuladen, bei den Bildern
zu verweilen, zu vergleichen, abzuwägen, sich einzustimmen in das Hier
und Heute
bzw. in das Hier und Damals.
Nun schauen wir in das Buch hinein und versuchen der Frage „gute
alte Zeit“ und „heute“ nachzugehen:
1.
Hausen von Süden, eine farbige Lithographie von Friesenegger, Schopfheim, 1.
Hälfte
19. Jhd.: beschauliches romantisches Wiesental. Das Eisenwerk, in
dem viele Hausener arbeiteten, sieht man nicht.

dagegen:

Hausen 2009, auch von Süden her: Das neue Gewerbegebiet verdeckt das
ganze Dorf.
Die Bildwahl zeigt deutlich die gleiche Anordnung, jeweils ragt der
Kirchturm hervor, dahinter der Zeller Blauen.
2.
Die Schule von Hausen, eine kolorierte
Postkarte, 1909,
gute alte Zeit im alten Haus im neubarocken Stil, der wunderbare
schwungvolle Mittelgiebel, symmetrisch die Stockwerke samt Keller mit
jeweils drei Fenstern rechts
und links. Da steckt viel Liebe drin.

dagegen:

ein Foto des Hauptschulgebäudes von 1984: zweckmäßig und
funktionstüchtig gebaut, nicht verspielt.
3.
Vielleicht strahlt die gute alte Zeit aus dem Holzhaus, um 1900
fotografiert, mit Schindeln gedeckt, ein Balkon unter dem tiefen Dach -
aber vermutlich innen nur eine Wasserstelle, ein Plumpsklo, noch kein
elektrisches Licht damals, aber ein Kachelofen.
Solche baut man heute nach, weil von ihnen viel Gemütlichkeit ausgeht.

dagegen:

An der gleichen Stelle das heutige Haus, nichts erinnert mehr an früher,
sicher ist das Haus gut isoliert, hat Zentralheizung, fließend warmes
und kaltes Wasser, eine Satellitenschüssel, über die Nachrichten aus
aller Welt ins Wohnzimmer gelangen,
auch solche, die man gar nicht sehen oder hören mag.
4.
Herren einer Silvesterparty 1915: betrachten Sie einmal die guten
Anzüge, alle Herren sind mit Hut, 'sufer' würde Hebel sagen, sie
feiern.
Könnten Sie sich eine Männerrunde heute so vorstellen? Nur die
Bierflaschen sind gleich!

und

Festjungfrauen eines
Männergesangvereins von 1918: Hat sie der Fotograf nicht schön
aufgestellt, mit einer Schärpe drapiert im weißen Kleid, fast wie
Opferpriesterinnen, zum Schutz rechts und links ein Mannsbild?
Damals wurde eine junge Frau noch mit „mein schönes Fräulein“
angesprochen, heute erlangt man einen wütenden Blick, wenn man eine Frau
über 18 Jahren mit Fräulein anspricht.
dagegen:
Diese Mädchen heute aus dem
Turnverein: Die würden sich nicht so leicht hinstellen lassen als
„Augenweide“, die sind von Kopf bis Fuß frei in ihrer Einstellung,
selbstbestimmt, und das wichtigste Wort bei einem Verbot oder Gebot ist:
Warum!

und

Die Kinder auf einem Hochseil,
da haben nicht einmal mehr Mütter Angst, wenn ihr Kind sich da oben
bewegt.
5.
Mehrheitlich haben die Menschen in der „guten alten Zeit“ in der
Landwirtschaft gearbeitet. Vier Menschen heuen hier, die Männer im
weißen Hemd und die Frau im
langen Rock. Schweißtreibend und anstrengend ist es sicher gewesen.

dagegen:

Ein Traktor mit Anhänger, der das Heu zu Rollen bindet, ein Mensch für
ein riesiges Feld, die Reihen muten im Sinne von Landart fast
künstlerisch an. Aber auch das ist Arbeit und in Beziehung zum
Milchpreis fast ein Hobby.
6.
An das Eisenwerk und die Firmen in der Folge an diesem Platz erinnert
nur noch das Turbinenhaus, Technik inmitten Brachland.

Wo ist sie
geblieben die „gute alte Zeit“, von der Johann Peter Hebel in seinem
Gedicht
'Die Wiese' schreibt?
… Aber
rotet jez, wo's hoffertig Jümpferli hi goht!
Denk wohl uffe Platz, denk wohl zur schattige Linde,
oder in d' Weserei un zue die Husemer Chnabe?
Hender gmeint, jo wohl! Am Bergwerch fisperlets abe,
lengt e wenig duren un trüllt en wengeli d' Räder,
aß der Blosbolg schnufe mag, aß d' Füür nit usgöhn.
Aber 's isch si Blibes nit. In d' Husemer Matte
schießt's und über d' Legi mit große Schritte go Fahrnau …
dagegen:

Am Südrand stehen jedoch neue
Firmen, die Zukunft versprechen mit modernen Solaranlagen, die zwar
wenig „gute alte Zeit“ vermitteln, aber saubere Energie liefern
und dazu beitragen, dass die umweltschädlichen Abgase nicht überhand
nehmen.
7.
Zum Schluss meiner Bildauswahl muss dieses Bild stehen.

Da schmunzeln die Autoren: so respektlos mit Hebel? Ein Denkmal,
richtig, sie hören
„Denk mal“, also "denk mal darüber nach", so wird der gute alte Hebel
gerettet aus
seiner längst vergangenen Zeit ins Hier und Heute und bildhaft
ausgesprochen.
Die „gute alte Zeit“ muss von einem jeden gesucht und gefunden werden.
Dazu hilft auch dieser Bildband über Hausen [...] unserem Dorf:
1362 erstmals in einer Urkunde erwähnt, zugehörig damals zur Herrschaft
der Markgrafen von Rötteln und Sausenberg, ab 1503 zur Markgrafschaft
von Baden, ab 1806 zum Großherzogtum Baden. Nach der Reformation gehörte
Hausen zuerst zum Kirchspiel Schopfheim. Hebel schildert ja so
herrlich, wie das Mädchen „Wiese“ beim Grendel zum lutherischen Glauben
changiert und die Tracht wechselt. Heute leben hier 2354 Einwohner.
Die Autoren führen uns über Straßen und Brücken ins Dorf, wobei
deutlich wird, dass es schon einmal eine obere Brücke gegeben hat. So
wohnen und leben die Menschen damals und heute im Dorf, treffen sich in
Gastwirtschaften und auf der Straße. So wie sich die Gesichter der
Häuser verändert haben, so wandelt sich auch das Aussehen der Menschen
und in der Art der Bildinhalte wird deutlich, auf was sie Wert gelegt
haben und legen. Natürlich gehört zum Bild eines Dorfes die tägliche
Arbeit im Wechsel der Zeit, die Landwirtschaft, das Handwerk und die
Industrie. Eindrückliche Bilder schildern das Schaffen und Wirken der
Menschen, auch Unterschiede in den Lebensweisen z.B. der Menschen in den
Laborantenhäusern bzw. in der Fabrikantenvilla.
Das Miteinander der „Husemer“ in den letzten 120 Jahren erzählen die
Autoren bildhaft über das Vereinsleben, voran die Gesangs- und Musik-
und Turnvereine, das gemeinsame Feiern im Jahreslauf und natürlich
zentral die "großen" Hebelfeste alle 25 Jahre: 1910, 1935, 1960 und
1985. Große Hausener Personen wie J. P. Hebel, Gerhard Jung, Walter
Arzet, Reinhold Zumtobel, Sebastian Clais, auch die Adlerwirtin
Anneliese Behringer.
Hausen im Bild von Künstlern runden das Bild ab.
So wird Hausen
lebendig. Wenn sie das Buch anschauen, werden viele Erinnerungen wach,
an längst oder jüngst vergangene Zeit. Viele dieser Erzählungen beginnen
wohl
mit folgender Redewendung: „Weisch no!“ Und die vielen
'Weisch-no-Erzählungen' sind weitere Bilder, diesmal Erzählbilder von
Hausen. Bild und Erzählung werden verschmelzen und das Buch zu einem
wahren Schatz werden lassen für jene, die in 25 Jahren, also 2035 wieder
ein "großes" Hebelfest feiern und das Buch „Hausen im Wiesental, ein
fotografischer Rundgang“ zur Hand nehmen und evtl. ein weiteres
Hausenbuch begründen.
Hansjörg Noe |