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Zwei Erzählungen (1806)
Wie leicht sich manche Menschen oft über
unbedeutende Kleinigkeiten ärgern und erzürnen, und wie leicht die
nämlichen oft durch einen unerwarteten spaßhaften Einfall wieder zur
Besinnung können gebracht werden, das haben wir an dem Herrn gesehen,
der die Suppenschüssel aus dem Fenster warf, und an seinem witzigen
Bedienten. Das nämliche lehren folgende zwei Beispiele.
Ein Gassenjunge sprach einen gut und vornehm gekleideten Mann, der an
ihm vorbeiging, um einen Kreuzer an, und als dieser seiner Bitte kein
Gehör geben wollte, versprach er ihm, um einen Kreuzer zu zeigen, wie
man zu Zorn und Schimpf und Händeln kommen könne. Mancher, der dies
liest, wird denken, das zu lernen sei keinen Heller, noch weniger einen
Kreuzer wert, weil Schimpf und Händel etwas Schlimmes und nichts Gutes
sind. Aber es ist mehr wert, als man meint. Denn wenn man weiß, wie man
zu dem Schlimmen kommen kann, so weiß man auch, vor was man sich zu
hüten hat, wenn man davor bewahrt bleiben will. So mag dieser Mann auch
gedacht haben, denn er gab dem Knaben den Kreuzer. Allein dieser
forderte jetzt den zweiten, und als er den auch erlangt hatte, den
dritten und vierten, und endlich den sechsten. Als er aber noch immer
mit dem Kunststück nicht herausrücken wollte, ging doch die Geduld des
Mannes aus. Er nannte den Knaben einen unverschämten Burschen und
Betteljungen, drohte, ihn mit Schlägen fortzujagen, und gab ihm am Ende
auch wirklich ein paar Streiche. „Ihr grober Mann, der Ihr seid", schrie
jetzt der Junge, „schon so alt und noch so unverständig! hab ich Euch
nicht versprochen zu lehren, wie man zu Schimpf und Händeln kommt? Habt
Ihr mir nicht sechs Kreuzer dafür gegeben? Das sind ja jetzt Händel, und
so kommt man dazu. Was schlagt Ihr mich denn?" So unangenehm dem
Ehrenmann dieser Vorfall war, so sah er doch ein, daß der listige Knabe
recht und er selber unrecht hatte. Er besänftigte sich, nahm sich's zur
Warnung, nimmer so aufzufahren, und glaubte, die gute Lehre, die er da
erhalten habe, sei wohl sechs Kreuzer wert gewesen.
In einer andern Stadt ging ein Bürger schnell und ernsthaft die Straße
hinab. Man sah ihm an, daß er etwas Wichtiges an einem Ort zu tun habe.
Da ging der vornehme Stadtrichter an ihm vorbei, der ein neugieriger und
dabei ein gewalttätiger Mann muß gewesen sein, und der Gerichtsdiener
kam hinter ihm drein. „Wo geht Ihr hin so eilig?" sprach er zu dem
Bürger. Dieser erwiderte ganz gelassen: „Gestrenger Herr, das weiß ich
selber nicht." - „Aber Ihr seht doch nicht aus, als ob Ihr nur für
Langeweile herumgehen wolltet. Ihr müßt etwas Wichtiges an einem Orte
vorhaben." - „Das mag sein", fuhr der Bürger fort, „aber wo ich hingehe,
weiß ich wahrhaftig nicht." Das verdroß den Stadtrichter sehr.
Vielleicht kam er auch auf den Verdacht, daß der Mann an einem Ort etwas
Böses ausüben wollte, das er nicht sagen dürfe. Kurz, er verlangte jetzt
ernsthaft, von ihm zu hören, wo er hingehe, mit der Bedrohung, ihn
sogleich von der Straße weg in das Gefängnis führen zu lassen. Das half
alles nichts, und der Stadtrichter gab dem Gerichtsdiener zuletzt
wirklich den Befehl, diesen widerspenstigen Menschen wegzuführen. Jetzt
aber sprach der verständige Mann: „Da sehen Sie nun, hochgebietender
Herr, daß ich die lautere Wahrheit gesagt habe. Wie konnte ich vor einer
Minute noch wissen, daß ich in den Turn gehen werde, - und weiß ich denn
jetzt gewiß, ob ich drein gehe?" - „Nein", sprach jetzt der Richter,
„das sollt Ihr nicht." Die witzige Rede des Bürgers brachte ihn zur
Besinnung. Er machte sich stille Vorwürfe über seine Empfindlichkeit,
und ließ den Mann ruhig seinen Weg gehen.
Es ist doch merkwürdig, daß manchmal ein Mensch, hinter welchem man
nicht viel sucht, einem andern noch eine gute Lehre geben kann, der sich
für erstaunend weise und verständig hält. |