| |
 |
 |
| Sendetag: 12. 08. 2006 |
|
Alpha-Forum-extra: Stationen der
Literatur: Johann Peter Hebel
Prof. Dr. Wolfgang Frühwald
im Gespräch mit Dr. Walter Flemmer
|
| Flemmer: |
Liebe
Zuschauerinnen und Zuschauer, herzlich willkommen zu einem
Gespräch über Johann Peter Hebel. Mein Gesprächspartner im Studio
ist Professor Dr. Wolfgang Frühwald. Hebel, das ist die wohl
seltsamste Station in der deutschen Literatur, der ungewöhnlichste
Dichter. Man muss bei ihm den Dichter vielleicht sogar in
Anführungszeichen setzen, denn er wollte nicht unbedingt Dichter
werden. Aber mit ein paar Gedichten und ein paar Prosastücken hat
sich dieser seltsame Mann in die Weltliteratur hinein
katapultiert. Man muss sagen, dass er einer der wenigen Autoren
ist, für die man sowohl Zehnjährige wie auch Achtzigjährige als
Publikum gewinnen kann. Denn beide Altersgruppen können sich an
den Geschichten aus dem "Rheinländischen Hausfreund" erfreuen. Wo
fing denn das bei ihm an? In welchem Humus ist denn das alles
zustande gekommen? |
| Frühwald: |
Das Ganze heißt
"Großherzogtum Baden", er ist ein Badener Dichter. Das heißt, er
ist in einem ganz kleinen Land groß geworden und musste dort auch
sein Leben lang bleiben. Er ist, wie Sie richtig gesagt haben, ein
Dichter wider Willen geworden. Denn er wollte viel lieber Pfarrer
sein: Er hätte gerne Seelsorge in einer Gemeinde betrieben, aber
er musste zusehen, er musste wirklich von außen zusehen, wie er
immer höher stieg und im Endeffekt so etwas wie ein badischer
Landesbischof wurde. |
| Flemmer: |
Und dann kam er
sogar noch in den Landtag. |
| Frühwald: |
Ja, er kam als
Prälat der badischen Kirche sogar im Landtag an und war dort
Mitglied. Aber er hat die Fühlung für das Volk nicht verloren. Und
er hat das, was er das Volk gelehrt hat, was er gepredigt hat,
dann im Grunde genommen auch auf die Gebildeten übertragen. Und
deswegen können heute in der Schule die Zehnjährigen genauso gut
etwas mit seinen Texten anfangen wie große Dichter, z. B. Elias
Canetti, und überhaupt alle gebildeten Menschen. |
| Flemmer: |
Er hat ja lange
warten müssen, bis er ins Amt gekommen ist. Das hing vielleicht
auch damit zusammen, dass er ein ziemlich schlechtes Examen
gemacht hatte. Begonnen hat sein Leben ja in Basel: Dort ist er im
Jahr 1760 zur Welt gekommen, 1826 ist er gestorben. Es ist nie
über diesen kleinen Kreis hinausgekommen: Sein Vater war ein
Leinenweber. |
| Frühwald: |
Sein Vater starb
allerdings bereits, als Johann Peter Hebel ein Jahr alt war.
|
| Flemmer: |
Sein Vater starb an
Typhus, ebenso wie seine kleine Schwester, die wohl auch an dieser
Krankheit zugrunde gegangen ist. Es blieb ihm dann nur noch seine
Mutter: Hebel war ein Mutterkind wie so viele Dichter, die sich
ebenfalls an die Mutter halten mussten. Aber auch seine Mutter
starb bald. |
| Frühwald: |
Er hat gute
Erinnerungen an seine Mutter bewahrt. |
| Flemmer: |
Sie taucht auch
immer wieder auf in seinen Werken. |
| Frühwald: |
Das stimmt. Es ist
ja bestimmt auch ein schreckliches Erlebnis für ein Kind, wenn in
so einer Situation dann auch noch die Mutter stirbt. Hebel war 13
Jahre alt, als seine Mutter auf einer Reise starb: Diese Reise
verlief im Grunde genommen auf einem Ochsenkarren und genau darauf
ist ihm dann auch seine Mutter gestorben. Ich glaube, eine solche
Traumatisierung verwindet ein Kind sein ganzes Leben lang nicht.
Und in allen Hebel-Biographien wird immer wieder auf diesen Tod im
Beisein des Dreizehnjährigen hingewiesen. |
| Flemmer: |
Hebel ist davor ja
quasi nach Basel zurückgerufen worden, weil seine Mutter zum
Sterben zurückkehren wollte: nämlich ins Wiesental in den Ort
Hausen. Ein Verwandter kam daraufhin mit dem Ochsenkarren nach
Basel, man lud die Mutter auf diesen Karren und dann hat dieser
Dreizehnjährige das Sterben seiner Mutter in all seinen Phasen
miterlebt auf dieser Reise. Wir werden später eines der ganz
großen Gedichte zu besprechen haben, das Gedicht "Die
Vergänglichkeit", das ja Bezug nimmt auf den Ort, nicht auf das
Ereignis. |
| Frühwald: |
Auf den Ort. Das
ist ein Gedicht über die letzten Dinge, über das Eschaton des
Lebens. Und es geht darum, ob dieses wunderschöne Basel, das da
dem Sohn und dem Vater erscheint, eines Tages auch zerstört werden
wird – so wie die Welt in Feuer aufgehen wird, so wird auch von
diesem Basel nichts mehr übrig bleiben. |
| Flemmer: |
Dieses Gedicht
entfaltet sich ja in grandiosen Bildern: im Gespräch zwischen
einem Buben und seinem Vater. Auch diese beiden sitzen auf einem
Gefährt und sprechen über die letzten Dinge. |
| Frühwald: |
Sie sprechen über
die Vergänglichkeit. |
| Flemmer: |
Bleiben wir doch
kurz bei diesem Gedicht, man muss es wohl zitieren. Es ist in
alemannischer Mundart geschrieben. Das Phänomenale an diesem
Dichter ist ja wohl, dass er die Mundart in eine Höhe
hinaufgeschrieben hat wie kein anderer. Man muss bei ihm wirklich
in der Mundart bleiben, denn alle Versuche, seine alemannischen
Gedichte ins Hochdeutsche zu übertragen, sind ja gescheitert. Die
Bearbeitung von Reinick, der das mal mit Illustrationen von
Richter versucht hat, verkitscht sein Werk im Grunde genommen.
|
| Frühwald: |
Das sind schlicht
Übersetzungen. |
| Flemmer: |
Ja, das ist dann in
der Tat eine Übersetzung. Man hat das bis in unsere Tage hinein
versucht, z. B. in einer Reihe bibliophiler Taschenbücher, als man
das noch einmal nachgedruckt hat. Aber in diesen Übersetzungen ist
dann eben auch alles verschwunden vom Duft dieser unglaublichen
Sprache, dieser Bodennähe, dieses Heimatgefühls, das bei ihm echt
ist. |
| Frühwald: |
Er war der
Begründer der Dialektliteratur im 19. Jahrhundert. Die
Schwierigkeit ist natürlich, diesen Dialekt zu sprechen. Er hatte
eine Freundin, vielleicht die einzige Frau, die er in seinem Leben
geliebt hat, Henriette Hendel, hieß diese Schauspielerin... |
| Flemmer: |
... die diese
Gedichte rezitiert hat. |
| Frühwald: |
Ja, Hebel hat
versucht, ihr diese Gedichte in seiner Mundart beizubringen. Aber
die Freunde von Hebel sagten, sie habe das allerliebst und anmutig
gemacht, aber wer diese Mundart spreche, der habe sofort erkannt,
welche Fehler in der Aussprache lagen. Ich bin ein Schwabe, aber
ich bin ein Lech-Schwabe. |
| Flemmer: |
Das ist bereits ein
Unterschied. |
| Frühwald: |
Ja, dieses
Lech-Schwäbisch ist wirklich sehr verschieden vom
alemannisch-badischen Dialekt von Hebel. Es ist daher selbst für
mich sehr schwierig, diesen Dialekt zu sprechen. Verstehen kann
ich ihn gut, aber ihn zu sprechen fällt mir schwer. Wenn man das
wagt, dann wirkt man auf einen Menschen, der diesen Dialekt
wirklich beherrscht, sehr leicht lächerlich, weil er sagt: "Das
ist völlig ausgeschlossen, so spricht man das nicht aus!" |
| Flemmer: |
Aber in diesen
Gedichten ist so viel Musik drin: Als Lech-Schwabe könnten Sie es
ja zumindest versuchen. |
| Frühwald: |
Die schönste Stelle
in diesem Gedicht ist vielleicht die Stelle, wo dieser Vater
darauf hinweist, was wohl im Jahre 2000 sein werde. Das Jahr 2000
ist nun schon vorbei, aber in diesem Gedicht heißt es: "Z'lezt
fuults im Fundement, / und 's hilft nüt meh. Und wemme nootno gar
/ zweytusig zehlt, isch alles z'semme g'keit. / Und 's Dörfli
sinkt no selber in si Grab. / Wo d'Chilche stoht, wo 's Vogts und
's Here Hus, / goht mit der Zit der Pflug." Es gibt einen
deutschen Büchnerpreisträger, der diese Mundart spricht, das ist
Arnold Stadler. Auch er hat eine Übersetzung dieses Gedichts
versucht. Sie lautet: "Zuletzt wird es im Fundament faulen,
umsonst. Und wenn man dann einmal gar das Jahr 2000 zählt, ist
alles zusammengefallen und das kleine Dorf wird dann selbst ins
Grab sinken. Da, wo die Kirche steht, da, wo das Haus des
Bürgermeisters und das Pfarrhaus stehen, wird dann einmal der
Pflug gezogen werden." Ich glaube, das ist die einzige Art und
Weise, wie man das übersetzen kann: in eine Prosa-Paraphrase.
|
| Flemmer: |
Das ist eine
Übersetzung in die Prosa, aber das klingt dann nicht mehr, es lebt
nur noch bedingt. Man muss dabei ja auch an folgende schöne
Episode denken. Goethe in einer Zusammenkunft hört die Rezitation
eines Gedichts, eines alemannischen Gedichts von Hebel, und dann
sagt jemand in diesem Kreis, er würde das nicht verstehen und dass
dieses Gedicht daher übersetzt werden müsse. Goethe wehrt sich
aber vehement dagegen und sagt: "Einen solchen Dichter muss man im
Original lesen! Dann muss man halt diese Sprache lernen!" Das
trifft wohl wirklich zu. Goethe war ja überhaupt einer derjenigen,
der diese alemannischen Gedichte sehr positiv besprochen hat.
|
| Frühwald: |
Ja, Goethe und Jean
Paul! Goethe hat gesagt, dieser Mann, also Johann Peter Hebel,
habe das Universum verbauert. Goethe hat dieses Wort "verbauert"
in Anführungszeichen gesetzt. Er meinte damit, Hebel habe mit
seinen Gedichten das All und den Kosmos wirklich dem Bauern und
dem Verständnis des bäuerlichen Volkes näher gestellt. Und es ist
schon ungeheuerlich, wie man durch die Beschreibung der Planeten,
der Erde, der Sonne, der Milchstraße dann plötzlich auf das Leben
der Menschen, die den Pflug ziehen, kommt: "... goht mit der Zit
der Pflug." Das man so etwas zusammenbringen kann, das ist dem
Johann Peter Hebel gelungen. Und Walter Benjamin, der ja viel mit
Mundart zu tun hatte, meinte einmal: Diese Spannung zwischen dem
Inhalt, dem kräftigen eschatologischen Inhalt und der
mundartlichen Form bringe im Grunde die Mauern ins Wanken, die
zwischen den Ständen und zwischen den Klassen existieren, sodass
Hebel ein Mann des ganzen Volkes, der Gebildeten wie der
Ungebildeten, der Hochstehenden wie der Niedrigen geworden ist.
|
| Flemmer: |
Es gibt in diesem
Zusammenhang ja noch eine schöne Szene, die Carl Jacob Burckhardt
beschreibt. Diese Szene spielt in Paris: Rilke ist mit ihm
zusammen dort und jemand stellt die Frage, ob denn die Deutschen
auch jemanden hätten, der so volkstümlich, so verständlich wie
Lafontaine sei. Und dann fällt der Name Johann Peter Hebel. Und
jemand zitiert das Gedicht "Das Gewitter": " Der Vogel schwankt so
tief und still. / er weiß nit, woner ane will. / Es chunnt so
schwarz, und chunnt so schwer, / und in de Lüfte hängt e Meer /
voll Dunst und Wetter. Los, wie's schallt / am Blauen, und wie's
widerhallt..." Rilke will dieses Gedicht übersetzt bekommen, aber
dann ist alle Melodie aus diesem Gedicht weg. Rilke muss zur
Kenntnis nehmen, dass solche Sachen in der Mundart bleiben müssen.
|
| Frühwald: |
Ja, und das war
natürlich nicht nur Rilke. Es waren viele, viele andere große
Maler, Bildhauer, Holzschneider, Dichter wie Elias Canetti, die
für diesen Hebel durchs Feuer gegangen sind. Elias Canetti z. B.
hatte von den "Kalendergeschichten" von Johann Peter Hebel eine
stenographierte Ausgabe, eine in Gabelsberger Stenographie
gestaltete Ausgabe. Canetti hat also Stenographie an Johann Peter
Hebel gelernt! Und zwar an der Geschichte von "Kannitverstan".
Sein ganzes Leben ist er bei Hebel geblieben. |
| Flemmer: |
Bleiben wir noch
ein Stückchen bei den alemannischen Gedichten. Man muss in diesem
Zusammenhang ja auch darüber reden, welch sensationeller Erfolg
sie geworden sind: Hebel hat Zeit seines Lebens fünf Auflagen
davon erleben dürfen! Aber lassen Sie uns auch einen Blick werfen
in dieses enge Leben, das man bereits mit ganz wenigen Stationen
beschreiben kann. Es ging von Basel nach Lörrach und in ein paar
andere Orte während seiner Gymnasialzeit. Und letztlich war es
eben so, dass damals die badischen Schüler nach Erlangen zum
Theologiestudium geschickt wurden. Dort hat Hebel also Theologie
studiert. |
| Frühwald: |
Dieses
Theologiestudium war für ihn offensichtlich das gemäße Studium:
Das wollte er! Predigen, das wollte er! Und er hat im Grunde auch
Zeit seines Lebens gepredigt. Aber er hat sich dessen auch gar
nicht geschämt und die biblischen Geschichten am Ende seines
Lebens sind natürlich für den Unterricht mit Kindern und auch für
den Predigtunterricht gestaltet. Aber nach diesem
Theologiestudium, das er, wie Sie schon sagten, mit schlechten
Noten abschloss, sodass er nicht sofort eine Anstellung bekommen
hat, ist er dann doch langsam in diesen Pfarrerberuf
hineingekommen. |
| Flemmer: |
Er war
Hilfspfarrer, Vikar usw. |
| Frühwald: |
Ja, er war
Hilfspfarrer und hat Seelsorge betrieben. Er ist Zeit seines
Lebens unverheiratet geblieben. Große Liebesgeschichten sind aus
seinem Leben nicht bekannt – wenn man von Henriette Hendel
vielleicht einmal absieht. |
| Flemmer: |
Der Briefwechsel
mit Gustave Fecht ist eigentlich kein Liebesbriefwechsel.
|
| Frühwald: |
Das stimmt, das ist
kein Liebesbriefwechsel. Er hat die Frauen geachtet, als
gleichrangige Partnerinnen betrachtet... |
| Flemmer: |
Obwohl dieser
Briefwechsel ja über Jahrzehnte ging. |
| Frühwald: |
Ja, auch mit Sophie
Haufe war er gut befreundet. Geliebt hat er wahrscheinlich nur
diese Henriette Hendel. Und das ist schon interessant: Ein
bodenständiger Pfarrer liebt dieses bohemienhafte Geschöpf, das
von Stadt zu Stadt zieht, dort seine Aufführungen hat und seine
Pantomimen darstellt und Rezitationen macht. Er hat dieses
Geschöpf wohl wirklich geliebt. Es war vermutlich im Jahr 1808,
als er ihr in Karlsruhe zum ersten Mal begegnet ist, wo sie gerade
auf Gastspiel war. Als diese Karlsruher Zeit beginnt, beginnt auch
die eigentlich große Hebel-Zeit. |
| Flemmer: |
Er kam nach
Karlsruhe und wurde dort Direktor eines Gymnasiums. Und er hat
sich dort - das ist ja wohl die Geburt der alemannischen Gedichte
und deswegen wollte ich unbedingt diese Verbindung herstellen -
nach seiner Heimat gesehnt. Er hat daher dieses Wiesental in
seinen Gedichten auferstehen lassen. Er ist mit diesen Gedichten
mit einem Schlag als Dichter aufgetreten und bekannt geworden. Das
ging eigentlich nur ein paar Jahre. Er hatte als junger Mensch
natürlich auch antikisierende Verse geschrieben, die jedoch völlig
unbedeutend geblieben sind. Aber mit einem Mal - aufgrund der
Erinnerung und wegen seiner Sehnsucht, endlich wieder nach Hause
zurückkehren zu dürfen - entsteht dann in Karlsruhe diese
Dichtung. |
| Frühwald: |
Er hat natürlich
profitiert von der damaligen Volksmode – und auch von der
Volksliedmode –, die durch Herder und durch den jungen Goethe in
der damaligen Literatur sehr stark geworden war. Auch deswegen hat
ihn ja Goethe so geschätzt. Goethe hat ja auch selbst solche
Schweizer Lieder aufgezeichnet. Er hat in ihm plötzlich einen
Originaldichter gefunden, der bei seinen Gedichten hinsichtlich
des Dialekts noch aus dem Vollen schöpfen konnte. Für alle diese
Menschen ist der Dialekt ja eine zweite Sprache. Das ist eine
Sprache wie eine Fremdsprache und wer den Dialekt und die
Hochsprache voll beherrscht, der spricht zwei Sprachen. Die Fülle
der Sprachmöglichkeiten ist vermutlich im Dialekt zu Hause und
nicht in der Hochsprache. Und genau das hat Goethe bemerkt.
|
| Flemmer: |
Goethe selbst hat
ja den Frankfurter Dialekt sehr wohl beherrscht. |
| Frühwald: |
Ja, das alles hat
er in seiner Rezension über die Gedichte Hebels beschrieben. Und
das hat dann auch Jean Paul beschrieben: dass dieser Dichter ein
großer Dichter ist, der zum Kanon der Weltliteratur in einer
deutschen Sprache, in einer deutschen Dialektsprache gehört.
|
| Flemmer: |
Dieser Johann Peter
Hebel war ja ein durchaus gebildeter Mensch, der viel gelesen hat,
der die antiken Autoren gelesen hat, der aber auch die
Zeitgenossen gelesen hat. Er hat von Klopstock bis Goethe so gut
wie alle rezipiert und hat wohl auch selbst Jean Paul sehr
geschätzt. |
| Frühwald: |
Jean Paul war für
alle diese Dichter bis tief in das Biedermeier hinein die
eigentliche Vorlage, die eigentliche Quellenliteratur. Warum? Weil
das ein Schreiben ist, das zu Herzen geht. Und auch aus einem
weiteren Grund, das ist etwas, das Hebel wohl ebenfalls von Jean
Paul gelernt hat: Die Verbindung zwischen der modernen
Naturwissenschaft und dem ergriffenen Herzen im Anblick der Natur.
Das kann man bei Jean Paul z. B. in seinem gewaltigen Text, "Rede
des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei",
wirklich lernen. Und dieser Hebel ist ja auch jemand, der die
Naturwissenschaft – nicht die Naturphilosophie – seiner Zeit voll
rezipiert. Er hat sogar einmal Naturkundeunterricht gegeben, als
Gmelin, der große Naturkundige, eine Vertretung braucht. Seine
Vertretung war Johann Peter Hebel! "Das Schatzkästlein des
rheinischen Hausfreunds", dieser große Texte von Johann Peter
Hebel, beginnt ja auch mit einer Betrachtung des Himmelsgewölbes:
mit Sonne, Mond und Sterne und mit der Größe der Sonne und mit der
Entfernung der Sonne. All das wird in einer Sprache dargestellt,
dass man das den Kindern heute noch vorlesen kann. Die Kinder
bekommen dabei einen Eindruck von der Gewalt und der Wucht des
Universums. |
| Flemmer: |
1801/1802 hat er
die alemannischen Gedichte wohl geschrieben. 1803 sind sie in der
ersten Auflage erschienen und dann kamen immer wieder neue
Auflagen hinzu. Haben denn die Zeitgenossen diesen Hebel
missverstanden als Idylliker? Es scheint doch so zu sein, dass
erst im 20. Jahrhundert deutlich geworden ist, welch
untergründige, welch ernsthafte Lyrik hier geboren worden ist.
|
| Frühwald: |
Ich fürchte, dieses
Missverständnis reicht bis heute. Das hängt natürlich mit der
schweren Zugänglichkeit dieses Dialekts zusammen. Aber die
Unterbewertung, die Fehleinschätzung, Hebel sei ein Idylliker,
reicht bis heute in die Literaturgeschichten hinein. Und weil er
eben ein Autor für die Zehnjährigen und die Achtzigjährigen
gewesen ist, hat man ihn ganz auf die Zehnjährigen reduziert. Ich
glaube allerdings, es wäre auch für die Erwachsenen von Heute gut,
wenn sie Hebel wiederentdecken würden. |
| Flemmer: |
Das ist ganz
sicherlich so. Bleiben wir zunächst bei Hebels Station in
Karlsruhe, denn er wird dort ja ein ganz wichtiger Mann. Man darf
aber nicht vergessen, dass er in seiner Studentenzeit das Leben
durchaus genossen hat, wie man sagen darf. Er war nicht der
Verdruckste und sich immer nur im Hintergrund aufhaltende Einsame.
|
| Frühwald: |
Nein, er war ein
sehr lebenslustiger Mann, dieser Hebel. Er war ja auch in
Studentenverbindungen Mitglied, die damals nicht gerne gesehen
wurden von den Regierenden. |
| Flemmer: |
Sie würden, wie es
damals hieß, in den Straßen lärmen usw. |
| Frühwald: |
Ja, er gehörte zu
eben jenen Studenten, die zwar viel gelernt, aber auch ihre
Freiheit genossen haben. Er hat das bis zum Ende seines Lebens
beibehalten. Selbst als Prälat der badischen Kirche war er
derjenige, der sich zumindest im Wort Freiheit bewahrt hat. In
diesem Karlsruhe hat er jedoch nie besonders gerne gelebt. Man
muss bedenken, dass das eine neue Stadt gewesen ist, die wohl erst
1715 gegründet worden war. Das war eine Kunststadt: Es gab damals
in Karlsruhe also fast nichts historisch Gewachsenes: Das war
einfach eine Stadt, die künstlich auf dem Reißbrett entstanden und
auf die grüne Wiese gestellt worden war. Aber es ist ihm nie
gelungen, aus Karlsruhe wegzukommen und das zu werden, was er
eigentlich werden wollte, nämlich Pfarrer. Er ist dann halt in
Gottes – für ihn vielleicht in drei Teufels – Namen in Karlsruhe
geblieben. |
| Flemmer: |
Aber er ist dort
eben auch von Stufe zu Stufe höher gestiegen. Er ist in der
Karlsruher Gesellschaft auch anerkannt gewesen: Alle Türen standen
ihm offen. Als Prälat und Abgeordneter hat er schließlich ein ganz
hohes Ansehen genossen. |
| Frühwald: |
Dieses Ansehen hat
er auch bis zum Ende seines Lebens beibehalten. Er ist noch
relativ jung im Jahr 1826 auf einer Dienstreise gestorben. Er war
zu diesem Zeitpunkt 66 Jahre alt, also noch nicht in einem
besonders hohen Alter. Man hat in Karlsruhe schon gewusst, was man
mit ihm verloren hat. Aber dieser Ruhm gründete sich dann eben
nicht mehr nur auf die alemannischen Gedichte. |
| Flemmer: |
Nein, und da
beginnt ja in Karlsruhe zusammen mit seiner Arbeit am Gymnasium
der zweite Auftrag von Hebel. Wie kam es dazu? Wie wurde Hebel zu
einem Kalendermann? Denn das hatte ja etwas mit diesem Gymnasium
zu tun. |
| Frühwald: |
Ja, er hat im
Grunde genommen ein unverlangtes Gutachten über diesen Kalender
geschrieben. |
| Flemmer: |
Zunächst einmal war
es ja doch so, dass dieses Gymnasium das Recht hatte, diese
Kalender betreuen und herausbringen zu dürfen. |
| Frühwald: |
Ja, und das war
natürlich eine gute Einnahmequelle für dieses Gymnasium. Dieser
Kalender war ein wichtiges Instrument. Die Kalenderliteratur war
überhaupt ein wichtiges Instrument. Dieser Kalender war ein
wichtiges Instrument der Regierung zur Aufklärung des Volkes. Das
ging so weit, dass der badische Herzog 1798, wenn ich das richtig
im Gedächtnis habe, diesen Kalender sogar durch Soldaten mit
Gewalt hat verkaufen lassen. Die Bauern mussten sich diesen
Kalender kaufen, mussten darin lesen, mussten ihn sich vorlesen
lassen. |
| Flemmer: |
Das war also eine
Art von Volkserziehung. |
| Frühwald: |
Das war ein echter
volkserzieherischer Kalender. Aber dies hat Hebel nicht mehr
gewollt. Er hatte stattdessen gewollt, dass die Leute diesen
Kalender freiwillig lesen. Das kam also aus dem Gymnasium heraus,
wo dieser Kalender hergestellt worden ist. Und Hebel fand eben,
man könne ihn besser machen. |
| Flemmer: |
Es gab ja eine
lange Tradition dieser Kalender: Nicht nur in Baden sind sie
zustande gekommen. Wenn man ganz weit zurückgreift, dann könnte
man in diesem Zusammenhang auch an Grimmelshausen denken, der ja
auch ein Kalendermacher gewesen ist und für die späteren
Generationen zum großen Vorbild wurde. Dieser Kalender jedoch in
Karlsruhe verkaufte sich nicht mehr allzu gut: Es ging bergab mit
ihm, die Beiträge schienen die Menschen nicht mehr zu
interessieren. Das war der Punkt, an dem sich Hebel einschalten
konnte. Sie haben dieses Gutachten bereits angedeutet, das er dann
geschrieben hat. |
| Frühwald: |
Er hat wirklich ein
unverlangtes Gutachten, wie man diesen Kalender so besser machen
kann, dass er wieder eine hohe Auflage erreicht. Und mit "hoher
Auflage" meinte er wirklich eine hohe Auflage. |
| Flemmer: |
40000 Stück hat er
erreicht. |
| Frühwald: |
Ja, das war eine
Auflage von 40000 bis 70000 Stück. Selbst der spätere Kalender,
als die Auflage dann zurückging, hatte immerhin noch eine Auflage
von 10000. Dann jammerte Hebel allerdings, dass von 10000
Exemplaren 6000 liegen bleiben. Und das war natürlich schwierig.
Man wollte also auf jeden Fall in eine Auflage von vielen Tausend
Stück hinein. So ein Kalender sollte wirklich Lektüre für das Volk
sein. Nachdem er dieses unverlangte Gutachten geschrieben hatte,
machte man ihn zum Redakteur dieses Kalenders – was er freilich
gar nicht gewollt hatte. |
| Flemmer: |
Er hat damit einen
Auftrag, den er nicht gewollt hat. Und von heute auf morgen wird
er zu einem Dichter, von dem einzelne Stücke – mindestens drei
oder vier – zur Weltliteratur zählen. |
| Frühwald: |
Und die auch in
alle Sprachen der Welt übersetzt worden sind. |
| Flemmer: |
Richtig. Wo hatte
er denn seinen Stoff her? |
| Frühwald: |
Dieser Stoff ist
ihm erzählt worden, dieser Stoff ist aus naturkundlichen Büchern
entnommen, dieser Stoff ist vielen anekdotischen Kalendern
entnommen worden usw. Er hat also eine große Fülle von Literatur
für seinen Kalender aufgenommen. Und der größte Teil dieser
Erzählungen, dieser kurzen Geschichten, ist ja nicht inhaltlich
von ihm erfunden worden. Nein, er war der Redakteur dieser
Geschichten! Er hat sie "lediglich" in eine neue und, wie man fast
sagen muss, klassische Form gegossen. Als Beispiel dienen hierfür
meinetwegen "Kannitverstan" oder auch "Unverhofftes Wiedersehen",
was ja wahrscheinlich den Höhepunkt dieser Geschichten darstellt.
Das ist ein so bedeutender Text geworden durch Hebels Sprache,
dass man sagen muss: Damit ist er wirklich in die Weltliteratur
eingegangen. |
| Flemmer: |
Das waren z. T.
einfach nur Zeitungsnotizen, die er aufgegriffen hat. |
| Frühwald: |
Anekdoten und kurze
Berichte. |
| Flemmer: |
Berichte über einen
Unglücksfall, über ein Polizeigeschehen usw. Und er macht dann
daraus eine phantastische Geschichte. Seine Geschichten haben ja
auch Wirkungen gezeigt. Kafka, Brecht usw. haben von ihm zwar
nicht abgekupfert, aber doch immerhin gelernt, wie man solche
Geschichten aufbaut. Dies ist wirklich von Hebels Zeitgenossen bis
in unsere Gegenwart hinein zu verfolgen. |
| Frühwald: |
Er hat das, was die
Romantiker wollten, geschafft: das Ohr des Volkes zu erreichen.
|
| Flemmer: |
Was den Romantikern
freilich nie gelungen ist. |
| Frühwald: |
Ja, weil sie immer
zu artifiziell geblieben sind. Das ist diesem einfachen Johann
Peter Hebel mit ganz einfachen Geschichten, die trotzdem
tiefgründig sind, gelungen. |
| Flemmer: |
Nehmen wir einfach
mal zwei solcher Geschichten heraus, vielleicht die Geschichte "Kannitverstan"... |
| Frühwald: |
Wir müssten davor
vielleicht noch eine bestimmte Stelle im Leben dieses Johann Peter
Hebel besprechen. Denn diese Kalendergeschichten wurden dann
plötzlich von einem Verleger für die Gebildeten entdeckt.
|
| Flemmer: |
Ja, der Verleger
Cotta hat gesagt: "Daraus machen wir ein Buch!" |
| Frühwald: |
Und das hat den
Hebel natürlich ungeheuer fasziniert: seine Geschichten, die er im
Grunde genommen für die Bauern, für die Menschen vom Land
geschrieben hat, nun in einem Buch den Gebildeten vortragen zu
können. Diese Sammlung hieß dann eben "Das Schatzkästlein des
rheinischen Hausfreunds". |
| Flemmer: |
Vorher hieß der
Kalender "Der rheinländische Hausfreund". |
| Frühwald: |
Dieses spätere Buch
ist ja ganz genau komponiert. Es beginnt im Grunde genommen mit
der Erzählung und dem Bericht des Weltalls und endet mit dem
"Unverhofften Wiedersehen". Angehängt ist dann noch die Geschichte
von Andreas Hofer, dem Rebellen. |
| Flemmer: |
Eine tolle
Geschichte! Wie er diesen Andreas Hofer bewertet, das gibt es
sonst nirgendwo. |
| Frühwald: |
Ja, nämlich völlig
anders als ihn seine Zeitgenossen bewertet haben. Aber dieses
"Unverhoffte Wiedersehen" bildet eigentlich den Abschluss dieses
Buchs. Es geht also vom Firmament und dem Weltall bis dorthin, wo
der Mensch eine Ahnung davon bekommt, dass auch er zu diesem
Weltall gehört, nämlich im "Unverhofften Wiedersehen". So ist
dieses Buch "Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes"
komponiert. |
| Flemmer: |
Und als Buch ist es
dann wirklich ein Hausbuch geworden, ein Hausbuch über die
Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg, wie man heute wohl sagen darf.
In diesem Buch sind ein paar Geschichten drin, die wirklich zur
Weltliteratur geworden sind. Beginnen wir mal mit der Geschichte "Kannitverstan".
Wollen Sie etwas daraus zitieren oder doch zumindest kurz
skizzieren, worum es darin geht? |
| Frühwald: |
Ich würde zu gerne
vorher noch erzählen, was der Canetti darüber gesagt hat. Canetti
ist ja in Bulgarien geboren worden, in Rustschuk: In seiner
Familie wurde Spanisch und Italienisch gesprochen. Nur dann, wenn
die Eltern im Gespräch miteinander von den Kindern nicht
verstanden werden wollten, haben sie Deutsch gesprochen. Und
dieser Elias Canetti sagt: "Mit der Erfahrung 'Kannitverstans',
als die Eltern in einer mir unbekannten Sprache zueinander
redeten, hatte mein Leben begonnen. Und was sich im Unverständnis
einzelner Gelegenheiten erhöhte: das wunderschöne Haus mit den
Fenstern voll Tulipanen, Sternblumen und Levkojen, die Reichtümer,
die das Meer ans Land schwemmt, der große Leichenzug mit den
schwarz vermummten Pferden – das hatte sich bei mir als Erhöhung
einer ganzen Sprache ausgewirkt." Deutsch hat er an diesem "Kannitverstan"
gelernt. |
| Flemmer: |
Aber nun müssen wir
doch etwas zu dieser Geschichte selbst sagen. Ein junger Mann
kommt darin nach Amsterdam, er deutet auf ein Gebäude, auf ein
Schiff usw. und fragt jedes Mal die umstehenden Leute, wem das
Gebäude, das Schiff usw. gehöre, und bekommt als Antwort immer nur
"Kannitverstan". Er denkt dann, das alles gehöre diesem reichen
Herrn Kannitverstan, diese Häuser, Werften, Schiffe usw.
|
| Frühwald: |
An sich gab es
diese Geschichte auch schon vor Hebel. Da ging es immer um die
Antwort "Kannitverstan", also "ich kann nicht verstehen". Das ist
diese Antwort, die man jenem sehr naiven Reisenden in all diesen
Vorlagen gegeben hat. Dieser naive Reisende meint nun aber, das
sei ein Eigenname, dieses "Kannitverstan", es handle sich also um
einen "Herrn Kannitverstan". Die Geschichte geht also so: Der
naive Reisende sieht diese prächtigen Häuser und fragt die Leute,
wem diese Häuser gehören. Man antwortet ihm "Kannitverstan". Er
sieht die Schiffe, die ausgeladen werden, und fragt, wem diese
Schiffe gehören. Er bekommt erneut die Antwort "Kannitverstan".
Und ganz am Schluss sieht er eben diesen Leichenzug. |
| Flemmer: |
Zitieren Sie doch
bitte diese letzten Sätze, in denen Hebel diesen ganz großen Bogen
schließt. |
| Frühwald: |
"'Armer
Kannitverstan,' rief er aus, 'was hast du nun von allem deinem
Reichtum? Was ich einst von meiner Armut auch bekomme: ein
Totenkleid und ein Leintuch, und von allen deinen schönen Blumen
vielleicht einen Rosmarin auf die kalte Brust oder eine Raute.'
Mit diesem Gedanken begleitete er die Leiche, als wenn er dazu
gehörte, bis ans Grab, sah den vermeinten Herrn Kannitverstan
hinabsenken in seine Ruhestätte und ward von der holländischen
Leichenpredigt, von der er kein Wort verstand, mehr gerührt als
von mancher deutschen, auf die er nicht achtgab. Endlich ging er
leichten Herzens mit den andern wieder fort, verzehrte in einer
Herberge, wo man Deutsch verstand, mit gutem Appetit ein Stück
Limburger Käse, und wenn es ihm wieder einmal schwer fallen
wollte, dass so viele Leute in der Welt so reich seien und er so
arm, so dachte er nur an den Herrn Kannitverstan in Amsterdam, an
sein grosses Haus, an sein reiches Schiff und an sein enges Grab."
|
| Flemmer: |
Das ist einfach
genial! Was da zusammenkommt in ganz einfachen Sätzen! |
| Frühwald: |
Das ist deswegen
genial, weil es die Zufriedenheitsphilosophie der Zeit
zusammenfasst: Du kannst so reich sein, wie du willst, am Schluss
liegen wir alle in einem engen Grab. |
| Flemmer: |
Aber auch dieser
Humor! Er verzehrt seinen Limburger Käse: Dass dann eben auch noch
dieser Gedanke drin ist, das ist phantastisch. Man kann also auch
darüber lachen, sich darüber freuen. |
| Frühwald: |
Ja, das ist schon
eine Art von schwarzem Humor. Wenn man dieses "Schatzkästlein des
rheinischen Hausfreunds" durchliest, dann wird einem ja Angst.
Denn das ist keine Idylle, die da beschrieben wird, und es gibt
auch keinen erhobenen Zeigefinger zu sehen, sondern es sind
eigentlich Grotesken, die er darstellt: die Groteske des normalen
Lebens. Er sagt uns: "All so geht es zu in der Welt!" Das ist fast
wie bei Grimmelshausen und in dieser Tradition steht Hebel wohl
wirklich. |
| Flemmer: |
Er beschreibt
Lebensumstände, die jedem begegnen können. Da geht es nicht nur um
das Leben der hohen Stände oder um ganz komplizierte, komplexe
Lebensumstände. Nein, das ist Alltag. Und der Prediger in ihm ist
halt der Kalendermacher und der Kalendermacher ist der bessere
Prediger, der von Haus zu Haus geht und in die Fenster schaut, wie
er an einer Stelle mal geschrieben hat. |
| Frühwald: |
Ja, von seinen
historischen und bedeutenden Zeitgenossen hat er eigentlich nur
ganz, ganz wenige in seinen Geschichten vorkommen lassen: Das ist
zum einen Moses Mendelssohn. Die Literaturwissenschaftlerin
Hannelore Schlaffer hat das sehr schön dargestellt: Mendelssohn,
das ist der Weise. Dann gibt es den russischen Feldmarschall
Suwarow, der eigentlich ein Narr ist. Dann gibt es Napoleon, den
Hebel sehr schätzt und den er als den gütigen Kaiser bezeichnet
und da sind noch einige wenige andere Menschen, die in seiner Zeit
hervorragen. Aber im Grunde genommen kommen bei ihm nur ganz
wenige historische Personen vor. Und es kommt noch der Rebell mit
hinzu: der Andreas Hofer, der dann auch entsprechend seinem
Rebellendasein endet. |
| Flemmer: |
Das "Unverhoffte
Wiedersehen": Das ist eine Geschichte, die in der deutschen
Literatur immer wiedergekehrt ist. Denn sie ist ja nicht nur von
Hebel behandelt worden. Aber von ihm wohl in der eindrucksvollsten
Form. Worum geht es in dieser Geschichte? |
| Frühwald: |
Er hat sie in der
eindrucksvollsten Form gestaltet, weil sie von ihm in der
kürzesten Form gestaltet worden ist. E.T.A Hoffmann hat diese
Geschichte ebenfalls bearbeitet, Hugo von Hofmannsthal und viele
andere. Es geht in dieser Geschichte eigentlich nur um Folgendes:
Ein junges Hochzeitspaar hat den Hochzeitstermin bereits
festgesetzt und der Mann, ein Bergmann, muss einige Tage vorher
wieder einfahren in den Berg. Dort wird er jedoch verschüttet und
kehrt nicht wieder zurück. Als gut 50 Jahre später ein neuer
Stollen gegraben wird, findet man seine völlig unversehrte Leiche:
Sie ist in Vitriol getränkt, sodass sie sich über die Jahrzehnte
hinweg erhalten hat. Und als man diese Leiche ans Tageslicht
befördert, kommt ein steinaltes Mütterlein vorbei, sinkt vor
dieser Leiche auf die Knie und küsst sie und sagt: "Das ist mein
Bräutigam, der gestern erst eingefahren ist!" Und dann bekommt
dieser Mann ein neues Grab und dabei finden sich am Ende dieser
Geschichte die wunderschönsten Worte überhaupt. |
| Flemmer: |
Sie sagt, sie würde
ihm ohnehin bald folgen, sodass sie dann endlich beisammen seien.
Aber alleine schon der Anfang dieser Geschichte: "In Falun in
Schweden küßte vor guten fünfzig Jahren und mehr ein junger
Bergmann seine junge, hübsche Braut und sagte zu ihr: 'Auf Sankt
Luciä wird unsere Liebe von des Priesters Hand gesegnet.'" |
| Frühwald: |
"'Dann sind wir
Mann und Weib und bauen uns ein eigenes Nestlein.' – 'Und Friede
und Liebe soll darin wohnen', sagte die schöne Braut mit holdem
Lächeln, 'denn du bist mein einziges und alles, und ohne dich
möchte ich lieber im Grab sein als an einem andern Ort.'" |
| Flemmer: |
Dieses
Zusammendrängen: "In Falun in Schweden küßte..." Das ist Hebel! |
| Frühwald: |
Das sind die
typischen Anfänge von Hebel. Es ist immer der ferne Ort. Hebel ist
ja einer, der in Gedanken mit den Menschen durch die ganze Welt
reist. Und er reist sogar bis zur Sonne hinaus. Er sagt in dieser
Beschreibung dieses Firmamentes: "Nun stell dir mal vor, wie weit
das entfernt ist!" |
| Flemmer: |
Und er rechnet es
den Menschen sogar vor. |
| Frühwald: |
Ja, genau. Er sagt
nämlich ungefähr so: "Wenn dort droben ein Kanonier steht und
seine Kanone auf dich richtet und diese Kanone auch abschießt,
dann kannst du in allem Frieden ein Haus bauen, heiraten, Kinder
kriegen, deine Kinder ein Handwerk lernen lassen, deine Enkel
aufwachsen sehen und die Kanonenkugel ist immer noch nicht da!"
|
| Flemmer: |
Das ist das
Besondere an ihm, wie er Zeit in Sprache umsetzt. |
| Frühwald: |
Ja, das ist seine
Kunst, wie er diese Entfernungen dem beschränkten Bewusstsein des
Menschen seiner Zeit näher bringt. Und dieses "Unverhoffte
Wiedersehen" reicht sogar noch über diese Sphären hinaus.
|
| Flemmer: |
Man muss ja nur
einmal daran denken, wie er in dieser kurzen Geschichte
Zeitgeschichte ablaufen lässt: Da geht es vom Untergang der Stadt
Lissabon bis in die damalige Gegenwart. Das ist wirklich eine
geniale Passage. |
| Frühwald: |
"Unterdessen wurde
die Stadt Lissabon in Portugal durch ein Erdbeben zerstört, und
der Siebenjährige Krieg ging vorüber, und Kaiser Franz der Erste
starb, und der Jesuitenorden wurde aufgehoben und Polen geteilt,
und die Kaiserin Maria Theresia starb, Amerika wurde frei, und die
vereinigte französische und spanische Macht konnte Gibraltar nicht
erobern. Die Türken schlossen den General Stein in der Veteraner
Höhle in Ungarn ein, und der Kaiser Joseph starb auch. Der König
Gustav von Schweden eroberte Russisch-Finnland, und die
Französische Revolution und der lange Krieg fing an, und der
Kaiser Leopold der Zweite ging auch ins Grab. Napoleon eroberte
Preußen, und die Engländer bombardierten Kopenhagen, und die
Ackerleute säeten und schnitten. Der Müller mahlte, und die
Schmieden hämmerten, und die Bergleute gruben nach den Metalladern
in ihrer unterirdischen Werkstatt." Das ist der Verlauf der Zeit:
So geht die Zeit. |
| Flemmer: |
Man ist dabei und
in wenigen Sätzen ist man informiert, wie man vielleicht sogar
sagen darf. Ich finde kaum einen Vergleich in der Weltliteratur
der damaligen Zeit, auch dann nicht, wenn man sich sehr weit
umblickt. Finden Sie da Vergleiche? |
| Frühwald: |
Nein, das ist ein
halbes Jahrhundert, das uns da Hebel in wenigen Zeilen vorsetzt.
Das ist eine klassische Kurzgeschichte: mit diesem Beginn, wie wir
ihn vorgelesen haben, und auch mit diesem Ende. Aber 50 Jahre Zeit
dann innerhalb dieser Geschichte auf zwei Seiten zusammendrängen
zu können, sodass jeder, der diese Geschichte liest, diese 50
Jahre auch miterlebt, das ist große Kunst. Denn Hebels
zeitgenössische Leser haben diese 50 Jahre ja in der Tat selbst
miterlebt. Und dann schafft er es, dass wir den Bräutigam vor uns
sehen wie am ersten Tag. Das ist wirklich ungeheuerlich: "...aber
er öffnete den Mund nimmer zum Lächeln oder die Augen zum
Wiedererkennen, und wie sie ihn endlich von den Bergleuten in ihr
Stübchen tragen ließ, als die einzige, die ihm angehöre und ein
Recht an ihn habe, bis sein Grab gerüstet sei auf dem Kirchhof.
Den andern Tag, als das Grab gerüstet war auf dem Kirchhof und ihn
die Bergleute holten, schloß sie ein Kästlein auf, legte ihm das
schwarzseidene Halstuch mit roten Streifen um und begleitete ihn
in ihrem Sonntagsgewand, als wenn es ihr Hochzeitstag und nicht
der Tag seiner Beerdigung wäre. Denn als man ihn auf dem Kirchhof
ins Grab legte, sagte sie: 'Schlafe nun wohl, noch einen Tag oder
zehn im kühlen Hochzeitbett, und laß dir die Zeit nicht lang
werden. Ich habe nur noch wenig zu tun und komme bald, und bald
wirds wieder Tag. Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie
zum zweiten Male auch nicht behalten', sagte sie, als sie fortging
und noch einmal umschaute." |
| Flemmer: |
Tja, da bleibt
einem die Sprache weg, wenn man das liest. |
| Frühwald: |
Das ist der
wirkliche Glaube an die Auferstehung und damit schließt sich
dieser berühmte Kreis, der mit der Beschreibung von Sonne, Mond
und Sternen begonnen hat und mit dem Tod eines Menschen endet,
dessen geliebte Frau als uraltes Mütterlein zu ihm sagt: "Was die
Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie zum zweiten Mal auch nicht
behalten!" |
| Flemmer: |
Das Erstaunliche
ist ja, dass mit dem Kalendermachen, mit dem "Schatzkästlein"
diese Prosaarbeit von Hebel einfach zu Ende gegangen ist: Es kommt
nichts nach. Es kommen nur noch die biblischen Geschichten nach.
|
| Frühwald: |
Er mag eigentlich
nicht mehr. Er mag vor allem deswegen nicht mehr, weil ihm eben
auch religiöses Ungemach geschehen ist. Da gab es von ihm diese
Geschichte vom "frommen Rat". Eigentlich war das nur eine ganz
harmlose Geschichte: Es kommen auf einen jungen Mann von zwei
Seiten Prozessionen mit Monstranzen entgegen und er fragt: "Vor
welcher Monstranz soll ich jetzt niederknien?" Der Geistliche sagt
ihm: "Du sollst vor deinem Herren dort oben niederknien!" Dagegen
haben engstirnige Katholiken dieser Zeit protestiert, sodass diese
Geschichte aus dem Kalender herausgenommen werden musste. Das hat
ihm das ganze Kalendermachen regelrecht verleidet. Man muss aber
auf der anderen Seite schon auch sehen, wie seine späteren
Geschichten von 1813, 1814, 1815 und 1819 sind. |
| Flemmer: |
Er ist müde
geworden. |
| Frühwald: |
Ja, er ist müde
geworden: Sie haben nicht mehr die Kraft dieser frühen Geschichten
der ersten Auflage des "Schatzkästleins" von 1811. |
| Flemmer: |
Er hat sich dann
später bemüht, die biblischen Geschichten für Kinder
nachzuerzählen. Er hat dabei auch bestimmte Deutungen an der Bibel
vorgenommen: Er hat bestimmte Dinge wie z. B. die Opferung Isaaks
weggelassen oder auch die Geschichte von David in der Löwengrube.
|
| Frühwald: |
Ja, es kommt da ein
rationalistischer Zug hinein. |
| Flemmer: |
Es geht ihm auch
hier wieder um Aufklärung. |
| Frühwald: |
Ja, es ist
wirkliche Aufklärung. Das ist im Grunde genommen Aufklärung mit
rationalistischer Bibelauslegung. Aber das gehörte ja nun einmal
zu seinem Beruf als Pfarrer. Er hat dabei auch mit dem
katholischen Generalvikar Ignaz Heinrich von Wessenberg
zusammengearbeitet, der in jenen Tagen ein bedeutender Reformer
gewesen ist. Er hat also im Grunde den Frieden der Konfessionen
bewahrt und war wohl auch besonders erbost, weil der päpstliche
Nuntius gegen diese harmlose Geschichte vom "frommen Rat"
Einspruch erhoben hat. Denn Hebel hat in der Tat Frieden
gestiftet. |
| Flemmer: |
Er hatte ja auch
wesentlichen Anteil an der Vereinigung der lutherischen und der
reformierten Kirche. |
| Frühwald: |
Er hat
Konfessionsfrieden, aber auch Frieden unter den Ständen, Frieden
unter den Klassen gestiftet. Und dass man diese Geschichten bis
zum heutigen Tag in allen Ständen lesen kann und liest und dass
sie auch übersetzbar sind, macht seine Größe aus. Denn das sind ja
Geschichten, die wirklich in jede Sprache der Welt übersetzbar
sind. |
| Flemmer: |
Vielen Dank, Herr
Professor Frühwald, für dieses Gespräch. Ihnen, liebe
Zuschauerinnen und Zuschauer, danke ich für Ihr Interesse.
|
|

|
zurück
nach
oben
|
|
|
|